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Hundegeschichten
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In den Augen meines Hundes liegt meines ganzes Glück, all mein Inneres, Krankes, Wundes, heilt in seinem Blick.
Friederike Kemper

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Toni, ein Todeskandidat mit Spitzenanlagen

Ankunft in Deutschland:
2 Wochen später kam er dann mit einem Hundetransport aus Spanien an und ich nahm ihn auf einer Autobahnraststätte in Empfang. Mit Susann, die  eine Drahthaarhündin aus dem Transport übernahm, war ich froh, nicht ganz alleine bei der Übergabe zu sein. Vor der Weiterfahrt zu mir wurde eine Runde auf der Raststätte gedreht, damit nach stundenlangem Transport das große und kleine Geschäft erledigt werden konnte. Der Hund konnte sich nur zerrend mit den Pfoten  am Boden kratzend vorwärts bewegen. Leinenführigkeit war keine vorhanden. Wenigstens zeigte er großes Interesse beim Autofahren und schaute neugierig aus dem Fenster. Zuhause angekommen, wollte ich mit ihm eine kleine Runde drehen. Dabei preschte er an der Leine nach vorne oder er legte sich ängstlich auf den Boden. Danach wurde er erst einmal angebunden, bekam eine Decke und wurde mit Futter versorgt. Er verschlang die erste Malzeit gierig  und schaute dabei ständig ängstlich zu meiner Wachtel. Im Umkreis von 20cm um den Napf lagen ein Gemisch aus Wasser, Speichel und Futterresten.


Die ersten Tage:
Sein panikartiges Vorpreschen an der Leine hatte sich schon nach 3 Tagen fast vollständig gelegt und auf das Kommando „Hier“ ging er sofort brav hinter mich. Die ersten 3 Tage blieb er angeleint in der Wohnung und wurde alle 2 Stunden in den Garten geführt. Mittags machte ich dann mit ihm und  meiner Wachtel eine große Runde. Im Haus war der Hund ein einziges Bündel Angst. Näherte man sich dem Hund , so legte er sich nur mit dem vorderen Teil seines Körpers flach auf den Boden und schaute einen ängstlich an. Den ganzen Tag stand er auf seiner Decke und beobachtet das Treiben in der Wohnung sehr aufmerksam, ohne sich aber auch nur ein einziges Mal hinzulegen. Erst wenn abends das Licht ausgeschaltet wurde und kein Mensch mehr im Zimmer war, legte er sich hin. Freude zeigte er nur, wenn ich mit dem Napf kam, sonst zeigte er keinerlei Reaktionen. Als ich ihn am 5. Tag unter Aufsicht in der Wohnung erstmals frei laufen ließ, sprang er sofort auf mein Ledersofa, bohrte mit dem Kopf gegen die Lehne und wälzte sich knurrend auf der Sitzfläche. Das Eis war gebrochen, zum ersten mal zeigte er, daß er mich akzeptierte! Da er bis dahin keinen Namen hatte, gab ich ihm den Namen „Toni“

 


Toni, der Hund mit den 2 Gesichtern:

Mit dem ersten Freilauf in der Wohnung kam auch auf unseren großen Spaziergängen die Langleine zum Einsatz. Wie ein Tiger schlich Toni vor mir her und beobachtete die Vögel in den Hecken und Bäumen. Sah er einen, schoß er wie ein Blitz die Hänge der Hohlwege hinauf und buschierte. Seine Ängste waren auf den Spaziergängen völlig verflogen und Toni war hier ein ganz anderer Hund! Am Ende der 2. Woche durfte er das erste mal ohne Leine in den Garten. Nur ein einziges Mal mußte ich ihn ermahnen, das offene Grundstück nicht zu verlassen, von da ab verließ er das Grundstück nur noch einmal, als er den Maschendrahtzaun zum Nachbarn geöffnet hatte. Aber auch hier gab es nur eine einzige Ermahnung und er unterließ es von da ab, sich vom Grundstück zu entfernen. Toni wußte sofort das Haus und Grundstück als sein neues Heim zu würdigen! Der verspätete Frühling hielt Einzug und Toni konnte mit meiner Wachtel den ganzen Tag im Garten bleiben. Mit strengem Blick stand Toni den ganzen Tag auf der Terrasse und beobachtet alles sehr genau. Ab und an schoß er zu den Kirschlorbeerbäumen und versuchte die dort sich gerne aufhaltenden Amseln zu fangen, was ihm dann auch gelang! Scheinbar hatte er sich in seiner Zeit als Selbstversorger in Spanien auf das erfolgreiche Vogelfangen spezialisiert. Auch auf unseren Spaziergängen äugte er ständig den Vögeln nach. Im Gelände hatte er schnell einen guten Appell, kam sofort freudig an und zeigte beim Üben des  Kommandos „Sitz“ keinerlei Ängste. War man in der Wohnung und rief ihn, blieb er stehen, ging man auf ihn zu, so legte er sich ängstlich auf den Boden. Diese ängstliche Verhalten hat er bis heute nicht verloren und wahrscheinlich wird Toni hier auch nie mehr ein normaler Hund. Toni entwickelte sich zu einem Hund mit 2 Gesichtern. Trotz des strengen und gleichmäßigen Tagesablaufs dauerte es viel Wochen, bis Toni anfing Freude zu zeigen. Seine Fröhlichkeit beim Anblick des Gartens am Morgen oder beim Anziehen meiner  Wandersachen stellte sich erste nach vielen Wochen ein. Tiefes Mißtrauen begleitet ihn bei allem, was mit Menschen zu tun hat und erst wenn sich etwas vielfach über Wochen ständig  wiederholte, schöpfte er Vertrauen.

Freßgier und Verdauung:

Tonis gesamter Verdauungsorganismus war schwer geschädigt. Aufgenommene Nahrung war binnen 2 Stunden vollständig verdaut. Dies führte dazu, daß er unter schlimmen Durchfall litt und fortwährend vom Hunger geplagt wurde. Die ersten Wochen wurde er nur von einem Gedanken getrieben, nämlich wie er den Menschen ihr Futter klaut. Er ging dabei so geschickt vor, daß man nur staunen konnte. Wenn er abends noch einmal in den Garten geführt wurde, erledigte er schnell sein Geschäft und schoß dann wie ein Pfeil ums Haus, um in die Küche zu kommen. Bis ich im Haus war, hatte er geklaut, was erreichbar war und saß schon wieder brav vor der Küche und schleckte sich den Fang. Um ihn halbwegs satt zu bekommen, erhielt er in den ersten Wochen 4 mal soviel Futter, wie meine Wachtel mit gleichem Gewicht!
Aber erst eine mehrwöchige Therapie mit Heilerde, gequollenem und pürriertem Kraftfutter, Lebertran und mehreren Mahlzeiten am Tag stabilisierte seine Verdauungsorgane.

Tonis großer Sprung:


Tonis bereits erwähnte unbändige Passion beim Vogelfangen und das absolut angstfreie und  neugierige Verhalten im Wald und im Feld ließ mir keine Ruhe. Trotzdem arbeitet ich weiterhin ausschließlich am noch nicht gefestigten Gehorsam. Die Konfirmation meines Patenkindes stand an und somit Tonis erste Reise. Ein ungutes Gefühl hatte ich schon, da Toni bisher nur unseren Garten, das Umfeld um unser Haus und unsere Gäste kannte. Das Verhalten in größere Menschenansammlungen und Übernachtung in einer fremden Umgebung hatten wir noch nicht geübt. Die Bedenken wurden aber schnell von mir verworfen, schließlich ging es an den Niederrhein mit riesigen Feldern und großen Niederwildbeständen. Und dann noch im Frühjahr, wo man doch hervorragend in der jungen Saat üben kann. Hier sollte Toni mir zeigen, daß er nicht nur Amseln jagen kann! War Toni in der ersten Woche noch wild im Auto herum gesprungen, als ich es kurz verließ, lag er auf der Fahrt zum Niederrhein brav in seinem Korb und betrachtete den Verkehr aus dem Rückfenster. Kaum am Niederrhein angekommen, wurden die Jagdsachen angezogen und mit Toni ging es an der Langleine in die Gemüse- und Getreidefelder des Niederrheins. Hier war Toni in seinem Element! Langsam arbeitete er sich gegen den Wind durch das Gras und die Saat, den Kopf immer tief weit unter dem Stich, daß ihm nur kein drückender Hase entgeht. Die Quersuche machte er routiniert, als ob er noch nie etwas anderes gemacht hat. Die Wendung kam reflexartig beim Kommando „hier“. Ein Fasanenpaar stand er schon nach wenigen hundert Metern perfekt vor. Langsam verfolgte er die in der Saat flüchtenden Fasane, um erneut vorzustehen. Nur beim Aufsteigen der Fasane mußte die Langleine das Vorpreschen stoppen. Aber auf das Kommando „Hier“ kam er sofort zurück. Für Toni schien es nichts mehr anderes zu geben, als Wiesen und Felder zu arbeiten. Unermüdlich und nie nachlassend arbeitete er völlig ruhig und ohne Hast. Es war eine Augenweide, den Hund zu beobachten. Selbst seine Scheu vor dem Wasser verlor er hier. Als er am Ufer eines Kanals arbeitete und ans andere Ufer wechseln wollte, sprang er ins Wasser und erreichte noch etwas unbeholfen planschend die andere Seite.

Der Kloß im Hals:
Ausgerechnet in diesen Tagen größter Freude über die großen Fortschritte des Hundes erreichte mich der erste Anruf eines Interessenten. Man hätte den Toni im Internet entdeckt und habe großes Interesse. Sofort hatte ich diesen Riesenkloß im Hals, wie man ihn immer hat, wenn sich der erste Interessent auf einen Pflegehund meldet, aber diesmal spürte ich ihn ganz deutlich und so stark wie nie zuvor. Verdrängt man doch immer das Wissen um eine Trennung von einem liebgewonnenen Pflegehund , die irgendwann ansteht. Erstmals wurde mir bewußt, dass mich zu diesem Hund etwas verbindet, was ich vorher zu keinem anderen Pflegehund hatte.


Toni stellt sich vor:

Bis zum Tag, als der erste Interessent uns besuchte, hatte ich weiter an Tonis jagdlichen Fähigkeiten gearbeitet. Er machte täglich Riesensprünge. Insbesondere seine Ruhe, sich von meiner neben ihm stöbernden Wachtel nicht irritieren zu lassen, faszinierte mich. Als ich dann mit dem Interessenten in den Wiesen Toni an der Langleine präsentierte, spulte er ein Programm ab, wie es in einem Lehrfilm für Junghundausbildung nicht besser darstellbar ist. Selbst seine noch vorhandene Skepsis vor dem Wasser war wie weggeflogen. Die Langleine diente nur noch als Sicherheit und kam nicht ein einziges mal korrigierend zum Einsatz. Toni gab sich die beste Mühe, mich nicht zu blamieren!

Toni ist der lebende Beweis für die unschätzbaren Werte, die in unseren Rassehunden stecken. Mit seinem Werdegang vom scheinbar hoffnungslosen Todeskandidaten zum leistungsfähigen Vorstehhund hat Toni bewiesen, welche Wesensstärke und Anlagen unsere Hunden haben. Es sind immer wieder wir Menschen, die diese Stärken nicht zu würdigen und zu fördern wissen.

Fortsetzung folgt.....



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© Krambambulli-Jagdhundhilfe e.V. • Impressum Letzte Aktualisierung: 02.09.2010