Rocca und Oscar!

Eine kleine Geschichte über das Leben mit Handicap-Hunden

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Also – geplant war es nicht, aber planen haben wir uns seit Corona ja schon alle abgewöhnt. Man muss einfach machen, was möglich ist, im jeweiligen Moment.

Vor ca. 1 1/2 Jahren planten wir mit der Kollegin einen Flug, sie wollte uns Hunde bringen. „Was ist denn mit Rocca?“ fragte ich. „Ach die Rocca ist super, total lieber, süsser Hund, aber halt behindert“ kam die Antwort. Leichtsinnig meinte ich, „Ach, das schaffen wir – was hat sie denn?“ – „Sie hatte einen Autounfall und ist inkontinent – vielleicht mit einer Windel oder so!!!“ – Ja gut – bestellt – voller Zuversicht. Noch während des Fluges kam die Info, dass noch ein behinderter Hund kommen soll – für einen Gnadenhof. Wir kennen ihn von unseren Besuchen vor Ort. Ich wusste um sein freches tapferes Wesen und wollte ihn nicht im „Seniorenheim“ wissen. Danke Gabi Winter für deinen schnellen Einsatz und das Umlenken von Oscar in unser Haus.

So kamen sie dann an. Zu zweit in einer Box und rochen nach Pipi. Dennoch – fröhlich raus in den Garten, Oscar mit seinem Handstand-Pinkeln und Rocca mit krummen Hinterläufen und frechem Benehmen. – Na toll!! Läuft!!

Wir waren ziemlich am Lachen, aber auch ein wenig gespannt was da auf uns zukommt. Die beiden sind – heute noch – sehr zweisam – Reisegenossen halt. Oscar’s Hinterläufe sind verkrümmt, er benutzt sie als Stütze und läuft praktisch über die Vorderläufe. Mittlerweile sind wir der Meinung, dass er so geboren ist. Er kam so im Tierheim an. Wie hätte er eine derartig schwere Verletzung durch Unfall, oder Falle ohne Hilfe überleben können? Er kommt bestens zurecht, flitzt wie der Wind über Stock und Stein, federleicht nimmt er die Treppen im Haus. Frauchen bewundert seine Energie… „ich warte auf den Tag, an dem er in den Kofferraum springt“ … denke ich oft. Der Kerl hat so eine Elan, es ist zum Lachen.

Im Tierheim lebte dieser 6 kg Wicht, im Gehege mit grossen Hunden und hat gelernt, sich und sein Futter zu verteidigen. Er ist einer unserer gehorsamsten Hunde, hat sein Frauchen sofort ins Herz geschlossen und hört auf’s Wort und Pfiff. Manchmal muss man ihn vor sich selber schützen, wenn er eine Attacke gegen einen Edellabrador aus bestem Haus starten möchte. Da klemme ich ihn mir kurz unter den Arm und schäme mich mal wieder für diesen größenwahnsinnigen Tropf.

Nichtsdestotrotz ist er „Mama’s Liebling“, wie oft bringt er uns zum Lachen, wenn er mit seinen krummen Beinen die Hänge hoch und runter rennt und überhaupt fürchterlich wichtig ist, und vor Lebensenergie nur so strotzt. Wir sind mittlerweile die fragenden Blicke gewöhnt, werden auch oft angesprochen, aber irgendwie, am Ende lächeln alle, die uns begegnen und finden ihn klasse.

Wir sind glücklich, dass er bei uns sein kann, Einer von vielen „Krambambulliundercoverhunden“. Er ist eine einzigartige Persönlichkeit, dieser freche kleine Typ mit seinen krummen Beinen.

Rocca hat eine andere Geschichte:

Sie wurde von einem Auto angefahren. Netterweise brachte die Fahrerin ihn in die Tierklinik und bezahlte die OP. Niemand vermisste sie und so kam sie ins Tierheim. Dort lag sie lange herum, das gesamte „Heck“ war in Mitleidenschaft gezogen. Irgendwann begann sie, zu laufen und freute sich täglich über den grünen Klee, wenn sie Menschenbesuch bekam.

Fakt ist: Kein Schließmuskel funktioniert!!

Anfangs versuchten wir das Windelthema. 20min. max. – und das Ding lag irgendwo im Garten. – Dann Plan B. Kurzhaarschnitt an der Hinterfront, möglichst viele Gassis, das Kind abwaschen und dauernd die Decken wechseln. Wir vermeiden tunlichst, dass Madame durchfällig wird und im Grunde putzen wir immer hinterher. Dieser Hund ist eine Herausforderung an die Hausfrau und ein Test für das Nervenkostüm. Wer einmal eine Rocca mit Bauchweh ins Auto gehoben hat und dabei „halbflüssige Nahrungsmittelendprodukte“ in die Hosentasche geerntet hat (das Handy war in Der Tasche)… dem graust es vor nix mehr!!!

Fakt ist ebenfalls: Die will Keiner!!

Alle finden sie grottensüß, mit ihrer wilden Frisur, aber freiwillig holt sich keiner so einen Hund ins Haus. Wir haben mittlerweile den Dreh raus und kommen gut mit ihr klar. Durch die vielen langen Gassi’s, ist sie hinten viel höher, als zu Beginn. Sie stapft mit einer Freude und Leidenschaft durch den Wald, dass wir uns nur wundern.

Jagdtrieb ist ungebrochen. „Vorne weiss ja nicht, dass Hinten kaputt ist“, sagte unsere Kollegin Gabi Frank mal – und so ist es.

Sie ist die Erste, die im Wald Theater macht und die guten Gerüche der Fährten anschreit. Und seit dem Tag, als ich sie aus dem Ilex rausfädeln musste, lasse ich die Schleppleine auch nicht mehr los.

Rocca hat mittlerweile eine große Fangemeinde, und wenn sie vor Freude im Flur tobt und schreit, wenn nachmittags die Gassigeher kommen – dann lasse ich sie gehen – freudestrahlend mit wichtigem Getöse, und wische eben zum 10. Mal den Flur. Sie kann ja nichts dafür! Und wir freuen uns so sehr, dass wir ihr ein lustiges, geliebtes Leben in Sicherheit geben können.

Gut das wir Fliesen haben. Gut, dass wir gute Nerven haben.

Wenn manche Leute mich fassungslos anschauen, dann sage ich immer: „So was machen Tierschützer, wenn sie alt werden.“

Es ist ein großes Glück für die beiden, dass sie bei uns sein können. Und wir freuen uns wenn sie es uns mit Zuneigung und Lebensfreude danken.
Man kann nicht alle retten!
Aber! Wenig ist besser als Nichts!!
Und diese Beiden bereichern unser Leben und sind gut aufgehoben.