Ria

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Ende November zog Ria bei uns ein, knapp ein Jahr alt. Sie kam über Umwege aus Griechenland – empfohlen von der Bekannten einer Partnerin. Also quasi per Flüsterpost vermittelt. Und so fühlte es sich auch an: Man wusste, sie existiert – gesehen hat man sie eher selten. Optisch? Ein Traumhund. Zustand? Katastrophe mit Fell. Ria ist hübsch, ja – aber hektisch und ängstlich auf vier Pfoten unterwegs. Anfassen? Bitte nicht. Angucken? Nur mit Termin. Atmen im selben Raum? Schwierig.

Aus Griechenland kam der pädagogisch wertvolle Tipp: Zimmerkennel aufstellen, Terrassentür öffnen, Hund läuft rein und raus, alles ganz entspannt. Gesagt, getan.
Praktisch bedeutete das: Terrassentür im Dezember dauerhaft offen.
Pflegemutter verschwindet aus dem Raum, damit Madame sich traut reinzukommen.
Sobald sich jemand der Tür nähert, um sie zu schließen – *zack* – Ria wieder draußen.
Ein energetisch sehr ambitioniertes Tür-Management-System.

Aber gut. Diese Kategorie „Drama mit Fell“ kannten wir. Und wir hatten ja souveräne, tiefenentspannte Bestandshunde. Die liefen einfach rum wie: „Ach komm, stell dich nicht so an.“ Nach drei Wochen war der Fortschritt offiziell von „Vollkatastrophe“ zu „nur noch Katastrophe“ hochgestuft. Ria traute sich, an der Pflegemutter vorbeizulaufen. Nicht mit Blickkontakt und ziemlich hektisch, aber sie lief vorbei. Ein historischer Moment.

Dann kam Weihnachten. Fremde Menschen, Stimmen, Lachen, Bewegung.
Beim Abendessen beschloss sie: Der Garten ist sicher und gut und der Garten ist mein Lebensinhalt. Leider war es Dezember und kalt. Sie weigerte sich, wieder reinzukommen. Die Konsequenz war: Der Tisch wurde abgeräumt und zurückgeschoben. Sämtliche Gäste versteckten sich mucksmäuschenstill im Flur, dann endlich sprintete Ria in ihren Kennel.

Im Januar dann, kleine Wunder. Tagsüber verließ sie den Kennel. Sie inspizierte vorsichtig das Haus. Ende Januar lag sie im Büro der Pflegemutter. Nicht nah, aber im selben Raum. Für Ria war das ein riesengroßer Vertrauensbeweis. Anfassen? Weiterhin ein klares „Nein, danke“. Nur im Kennel – wenn Flucht technisch ausgeschlossen war – wurde es mit stoischer Würde ertragen.

Mitte Februar wagte sie sich abends ins Wohnzimmer. Sie entspannte sich manchmal so sehr, dass sie kurz einnickerte. Und jedes Mal, wenn ihr Kopf runterkippte, zuckte sie erschrocken hoch, als hätte sie sich selbst überrascht.

Ende Februar – drei Monate nach Einzug – kam der große Wendepunkt. Mit tatkräftiger Unterstützung von Vereinsmitglied Susanne Tietjen begann das Training. Die erste Einheit war… nun ja… intensiv. Hektik. Panik. Dramatisches Auf-und-Ab-Gehen mit einer spontanen Analdrüsen-Meinungsäußerung. Die Pflegemutter war kurz davor aufzugeben, aber Susanne blieb ruhig, standhaft und geduldig bis Ria sich halbwegs entspannte.

In dieser Nacht hatte Ria offenbar eine interne Teamsitzung. Am nächsten Tag war der heißgeliebte Kennel weg. Stattdessen stand an der Stelle ein gemütliches Hundebett. Ria: „Entschuldigung? Wo ist mein Bunker?“  Wieder Nachdenken.

Dann folgte an Tag 3 – einem verregneten Sonntag – die Premiere: Haustür, Straße und Außenwelt!

Mit Susanne an der Seite wurde aus „Oh Gott, ich sterbe“ langsam ein vorsichtiges Mitlaufen. Und tatsächlich, sie schaffte die ersten kleinen Runden!

An Tag 4 trainierte die Pflegemutter allein mit ihr. Und plötzlich – als hätte jemand heimlich ein Update installiert – lief Ria richtig gut. Draußen im Feld begann sie, die Welt wahrzunehmen, Schnüffeln, Gucken, Mitgehen. Begeisterung brach aus und wurde geteilt.

Die Weihnachtsfreunde – ja, die Flur-Versteck-Profis – waren immer noch da. Sie begleiteten Spaziergänge ab Tag 5. Sie übernahmen die Leinen, sie hatten gerade Urlaub und Zeit und dazu bestes Wetter. Jeden Tag kamen sie zum Spaziergang mit Ria. Ab Tag 6 kehrte man nach dem Spaziergang bei ihnen ein. Mit Ria.

 An Tag 7 wurde Ria abends nicht zurückgebracht. Offiziell: „Probewohnen“. Inoffiziell: „Wir haben uns verliebt“.
Eine Woche nach dem ersten Training! Eine Woche! Vom Gartengespenst zur Spaziergängerin mit Sozialleben. Nach dem Wochenende kam die Nachricht:

Ria darf bleiben. Sie hat ihre Familie, ihr Zuhause gefunden. ❤️