Matessa

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Im Frühjahr wurde uns eine alte Hündin ans Herz gelegt. Man sagte uns, sie hätte Jahre – genau gesagt 12 Jahre in einem Tierheim auf Beton gelebt. Wir erhielten ein Foto – ein Fellberg mit einer Schnauze vorne dran. Unfassbar.
Sie wurde vor Ort von Kollegen geschoren, dabei kam ein Tumor an der Brust zu Tage. Der wurde entfernt und die Lady erholte sich gut bei engagierten Tierschützern in Italien.
Matessa kam nach Gießen, ich fuhr den selben Abend hin um sie zu holen. Sehr mitgenommen von der Reise lag sie matt und abgeschlagen im Hundehaus.
Die ersten Tage waren schrecklich. Sie war einfach da, still, filzig, schmutzig, verloren.
Pflegemama ging durch innere Höllen.
Traurig!
Wütend!
Mitleidig!
Hoffnungslos!
Böses Kopfkino!

Ich habe mir vorgestellt, wie es ist, Jahr um Jahr in einem Zwinger zu sitzen. In Hitze und Kälte, nichts Schönes passiert. Man ist einfach da! Aber wozu?
Liegen, Trinken, Essen, Pipi, Kacka, Schlafen, Wachen, Horchen, Schnuppern, Schauen, Bellen, hin und her gehen.

Welchen Wert hat die Zeit?

Als ich wieder zu mir kam, haben wir uns das Mädchen geschnappt, und in die Badewanne gestellt. Lieb hat sie sich alles gefallen lassen.
Die Tage drauf – Projekt – Kämmen in Etappen. Dann nahm ich mir ein Herz und die Schermaschine in die Hand. Als ich fertig war, habe ich mich schon geschämt, schön war es nicht geworden, aber wir gehen ja sowieso verborgene Wege, da sieht uns keiner.
Schnell fand Matessa die Gassigänge gut, ich lasse sie den Weg bestimmen, und sie geht immer straks in den Wald.
Im Frühling war das ja noch ganz nett und machbar, mittlerweile ist es sehr abenteuerlich und die Brennesseln und das Springkraut sind bald so hoch wie ich.
Aber sie freut sich so!
Schnuppert. Schaut. Horcht. Stapft festen Schrittes über umgefallene Bäume und durch das dichte Grün!

Matessa du sollst es haben!!!

Es gilt viel Zeit auf Beton wett zu machen. Manchmal schaut sie sich um und guckt mich mit ihrem einen Auge an und dann lobe ich sie, dafür dass sie mich wahrnimmt.

Das zweite Hichlight in ihrem Tagesablauf ist das Füttern.
Bei jedem Hundewechsel während des Gassivormittag kommt Matessa in die Küche und fragt ob es denn schon Mittag gäbe. Wenn dann die Töpfe klappern läuft sie aufgeregt zwischen ihrer Residenz im Wohnzimmer und der Küche hin und her.
Abends noch eine Runde um den Block, ansonsten viel im Körbchen liegen und schlafen. Jeder, der das Wohnzimmer betritt, spricht Matessa an und streichelt sie.
So lebt Matessa ihre Tage bei uns. Wir können ihr kein Jahr zurückgeben, aber wir hoffen so sehr, daß sie sich bei uns wohl fühlt. Diese liebenswerte, bescheidene alte Dame.